Die deutschen Debussy-Seiten

von Jochen Scheytt

Général Lavine - excentric

Der exzentrische General Lavine
aus: Préludes Band II, Nr. 6

Wer war Général Lavine?

Der exzentrische General Lavine war ein amerikanischer Clown (1879-1946), der 1910 und 1912 in Paris in den Follies Marigny auftrat. Zu seinen Spezialitäten gehörten Jonglage, Stelzenlaufen und das Klavierspielen mit seinen Zehen (1). Er behauptete, sein ganzes Leben Soldat gewesen zu sein und muss mit seiner Schlaksigkeit bei enormer Körpergröße einen überwältigenden Eindruck hinterlassen haben. Jedenfalls beschreibt der Kritiker des San Francisco Chronicle am 11. März 1945, dass er in seiner Uniform noch größer aussehe als er wohl sei. Die genannten "nine feet", also umgerechnet 2,74 Meter dürfen wohl eher in das Reich der Fantasie gehören. (2) Debussy sah den Clown bei einem seiner Pariser Auftritte.

Cake-Walk

Überschrieben ist das Prélude mit "Dans le style et le Mouvement d'un Cake-Walk". Der Cake-Walk begegnet uns in Debussys Klavierwerk auch in Children's Corner, dort bei "Golliwog's Cakewalk". Der Cake-Walk war ein Schreittanz, der hauptsächlich während Minstrel Shows, Variety Shows und deren Umfeld aufgeführt wurde. Groteske, übertriebene Bewegungen und Figuren als Parodie weißer vornehmer Tanzstile waren Bestandteil dieses Tanzes. Der Name scheint daher zu kommen, dass für die komischste Darbietung dieses Tanzes ein Kuchen als Preis ausgelobt wurde. In Europa gewann dieser Tanz im Zuge der Begeisterung für alles Exotische sehr schnell an Popularität, wurde jedoch mehr als Showeinlage dargebracht und nicht vom Publikum getanzt. Musikalische Grundlage des Cake-Walk ist der Ragtime.

Ragtime

Auch der Ragtime taucht bei Debussy immer wieder auf (Golliwog's Cakewalk, The little negro). Bei "Général Lavine - excentric" ist der Ragtime aber stilisierter. Nur an verhältnismäßig wenigen Stellen ist die Ragtime-typische Begleitfigur, die stete Abfolge von Basston und Akkord in gleichmäßiger Rhythmik, zu finden. Debussy ist in seiner musikalischen Sprache schon weiter fortgeschritten und setzt Elemente des Rags bewusst als Stilmittel ein.

Die musikalische Gestaltung

Wie der Auftritt des Generals ausgesehen haben mag, kann sich jeder Zuhörer mit ein wenig Fantasie leicht selbst ausmalen.

Formal folgt das Stück dem traditionellen Muster Intro A B A Coda.

Drei Motive bilden den Kern des Stücks, wobei sich die Motive auf alle Formteile erstrecken. Motiv 1 und 2 tauchen im Laufe des Stücks immer wieder unvermittelt auf und werden häufig miteinander kombiniert. Motiv 3 zeigt sich am Entwicklungsfähigsten, nimmt den meisten Raum ein und darf nicht zuletzt darum zurecht als Hauptmotiv bezeichnet werden.

Motiv 1, Takt 1, die Militärfanfare zeigt den Beginn der Vorstellung an...

Notenbeispiel 1: Motiv 1, Takt 1
General Lavine, Takt 1

Motiv 2, T. 1-2, der "Général" stolpert auf die Bühne...

Notenbeispiel 2: Motiv 2, Takt 1-2
General Lavine Takt 1-2

Bei diesem Motiv handelt es sich um einen gebrochenen B-Dur-Dreiklang (Melodietöne: b, d, f, d, b), der mit einem Wechsel von Dur- und Mollakkorden (es-Moll, G-Dur, b-Moll, G-Dur, es-Moll) ungewöhnlich harmonisiert ist.

Motiv 3, T. 11ff., das eigentliche Hauptmotiv, das in seiner Fortspinnung vom Ragtime-Rhythmus begleitet wird:

Notenbeispiel 3: Motiv 3, Takt 11 ff., Hauptmotiv
General Lavine, Takt 11 ff.

Eine kleine Reminiszenz an die US-amerikanische Heimat des Clowns und an seine Herkunft aus den Minstrel Shows, Variety Shows und Vaudevilles baut Debussy im B-Teil in den Takten 51-52 und 63-64 ein: Den Beginn des Lieds "Camptown Races", das Stephen Foster, einer der produktivsten Komponisten von Minstrel Songs, 1850 schrieb.

Notenbeispiel 4: Camptown Races (Beginn) und Zitat in Général Lavine - excentric , Takt 52-53
Vergleich Camptown Races - General Lavine


(1) Kautsky, Catherine. Debussy's Paris: Piano Portraits of the Belle Époque. Rowman & Littlefield, 2017, S. 22.
(2) Zitiert nach: http://www.ivoryclassics.com/releases/73004/pdf/booklet.pdf

  © 2017 by Jochen Scheytt

Debussy Titel

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Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.


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Autor

Jochen Scheytt

ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.