Die deutschen Debussy-Seiten

von Jochen Scheytt

Estampes

Inhalt

Seite 1 - Entstehung, Uraufführung und Titel
Seite 2 - Pagodes
Seite 3 - La Soirée dans Grenade
Seite 4 - Jardins sous la pluie

La Soirée dans Grenade

Debussys Spanien

"Hier steht Andalusien vor uns, Wahrheit ohne Authentizität, könnte man sagen, da kein Takt darin vorkommt, der der spanischen Folklore unmittelbar entlehnt ist, und dennoch das Stück bis in seine geringsten Einzelheiten Spanien empfinden lässt." (1)

Dieses Zitat des spanischen Komponisten Manuel da Falla trifft genau den Punkt, denn man fühlt sich beim Hören direkt nach Spanien versetzt. Dabei war Debussy noch nie in Spanien gewesen, als er das Stück schrieb.

Welche Themen und Motive treten auf?

Es gibt vier Themen: das maurische Thema, zwei verschiedene Habanera-Themen, eines in A-Dur und eines in Fis-Dur, und ein triolisches Thema. Dazu treten zwei verschiedene Motive, ein Gitarren-Motiv und ein Kastagnetten-Motiv, die den Charakter von Einschüben besitzen und sich musikalisch stark von den Themen unterscheiden.

Die Themen im Einzelnen

Maurisches Thema (Takt 7 bis 16 und Takt 122 bis 128), das durch das Intervall der übermäßigen Sekund zwischen den Tönen a und his und zwischen d und eis charakterisiert wird (im Notenbeispiel 1 jeweils mit grün markiert). Die übermäßige Sekund d - eis erscheint erst in den letzten beiden Takten, wenn das Thema durch reduziertes Tempo und verlangsamte Rhythmik ausläuft - quasi ein komponierter Fade-out, der typisch für Debussys Themengestaltung ist. Die beiden Anfangstöne d2 und cis2 sind gleichzeitig die höchsten Töne des Themas, dessen Tonhöhe insgesamt stetig absteigt.

Das Thema besitzt keine regelmäßige Anlage und wirkt daher eher wie improvisiert, wie dahingesummt oder wie nur imaginiert. Das Vorkommen von vielen übergebundenen Noten, verschiedensten Notenwerten (wie unter anderem triolische Notenwerte als Achtel und Sechzehntel), die sehr zurückgenommene Lautstärke im pp bis ppp-Bereich und die Begleitung durch den Habanera-Rhythmus in unwirklich hoher Lage unterstützen diesen Eindruck.

Notenbeispiel 1: La Soirée dans Grenade, Maurisches Thema, Takt 7 ff.
Claude Debussy: Maurisches Thema T. 7 ff.

Habanera-Thema 1 in A-Dur (Takt 38 bis 59 und Takt 98 bis 106). Nach einem sehr starken rhythmischen Impuls in der Begleitstimme beginnt das Thema in hoher Lage im fortissimo, um dann, ähnlich wie das maurische Thema immer weiter abzusteigen und dabei Impuls und Bewegungsenergie immer mehr zu verlieren. Auch das Habanera-Thema läuft in einer triolischen Rhythmik in den letzten beiden Takten aus (eine Art rhythmischer Fade-out), wird dann aber gleich noch einmal in tieferer Lage und immer weiter abnehmender Lautstärke wiederholt.

Im Grunde besteht das Habanera-Thema aus nur einem einzigen rhythmischen Modell, das beim ersten Auftreten aus zwei auftaktigen Sechzehnteln, zwei Sechzehnteln auf Schlag eins und einer über zwei-dreiviertel Schläge ausgehaltenen Note besteht. In der Folge wird dieses Motiv variiert und verkürzt - der Auftakt besteht nun aus drei Sechzehnteln und der Schlusston aus einer punktierten Achtel - und nun sechs Mal rhythmisch identisch aneinander gehängt. Die repetitive Anlage mit der Wiederholung des immer gleichen Rhythmus ist untypisch für Debussy und wird von ihm immer dann verwendet, wenn die Musik einen volkstümlichen oder tänzerischen Anklang haben soll.

Notenbeispiel 2: La Soirée dans Grenade, Habanera-Thema 1, T. 42-51
Claude Debussy:

Beide Themen besitzen einige Gemeinsamkeiten, die über einige generelle Übereinstimmungen wie die absteigende Melodielinie, die allmähliche Verringerung des Bewegungsimpulses oder das rhythmisch unbestimmte Auslaufen hinausgehen. So sind konkrete motivische Bezüge zwischen den beiden Themen zu finden, was die folgende Gegenüberstellung verdeutlichen soll.

Notenbeispiel 3: La Soirée dans Grenade, Vergleich Maurisches Thema und Habanera-Thema 1
La Soirée dans Grenade, Vergleich Maurisches Thema und Habanera-Thema 1

Dass die Motive, mit denen die beiden Themen beginnen, zusammenhängen, wird so sofort deutlich, auch wenn es Unterschiede gibt, die diesen Zusammenhang verschleiern. Hierzu zählt der fehlende Auftakt und die Überbindung des zweiten Sechzehntel an die folgende lange Note. Beide Themen beginnen im Übrigen auf Schlag 1 mit der Nebennote, die nach unten weitergeführt wird.

Habanera-Thema 2 in Fis-Dur (Takt 67 bis 77). Dieses Thema wird geprägt durch den synkopischen Rhythmus Sechzehntel - Achtel - Sechzehntel. Bei der melodischen Gestaltung fallen die ständigen Richtungswechsel auf. Auffallend ist auch, dass fast ausschließlich zwei Intervalle in der Melodie vorkommen: die Quart in den ersten beiden Takten und die Terz in den Folgetakten. Schließlich sind die Oktavversetzungen bemerkenswert, die den Tonumfang der Melodie erweitern, wie bei den ersten beiden Tönen des Themas und den letzten Tönen des Notenbeispiels 4.

Notenbeispiel 4: La Soirée dans Grenade, Habanera-Thema 2, T. 67-73, einstimmig
La Soirée dans Grenade, Habanera-Thema 2, T. 67-73, einstimmig

Triolisches Thema (Takte 23 bis 28, 61 bis 66 und 78 bis 91). Dieses Thema wird bestimmt von den Achteltriolen, die immer auf dem ersten Schlag einer sich über zwei Takte erstreckenden Phrase erscheinen. Die Triolen bieten einen wirkungsvollen rhythmischen Kontrast zur Achtelpunktierung des begleitenden Habanera-Rhythmus. Beim ersten und zweiten Auftreten ergeben die Töne des Themas und der Habanera-Begleitung ein Ganztonfeld.

Notenbeispiel 7: La Soirée dans Grenade, triolisches Thema, T. 23-28
La Soirée dans Grenade, triolisches Thema, T. 23-28

Die Motive im Einzelnen

Gitarrenmotiv (Takt 17 bis 20) - schnell geschlagene, parallel verschobene Septakkorde

Notenbeispiel 5: La Soirée dans Grenade, Gitarrenmotiv, Takt 17-20
La Soirée dans Grenade, Gitarrenmotiv

Kastagnettenmotiv (Takt 109 bis 112) - parallel verschobene Dreiklänge

Notenbeispiel 6: La Soirée dans Grenade, Kastagnettenmotiv, Takt 109-112
La Soirée dans Grenade, Kastagnettenmotiv


  © 2019 by Jochen Scheytt

Debussy Titel

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Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.


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Autor

Jochen Scheytt

ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.