Die deutschen Debussy-Seiten

von Jochen Scheytt

Estampes

INHALT:

Seite 1 - Entstehung, Uraufführung und Titel
Seite 2 - Pagodes
Seite 3 - La Soirée dans Grenade
Seite 4 - Jardins sous la pluie

La Soirée dans Grenade

"Hier steht Andalusien vor uns, Wahrheit ohne Authentizität, könnte man sagen, da kein Takt darin vorkommt, der der spanischen Folklore unmittelbar entlehnt ist, und dennoch das Stück bis in seine geringsten Einzelheiten Spanien empfinden lässt." (1)

Dieses Zitat des spanischen Komponisten Manuel da Falla trifft genau den Punkt, denn man fühlt sich beim Hören direkt nach Spanien versetzt. Dabei war Debussy noch nie in Spanien gewesen, als er das Stück schrieb.

Vor ihm hatte sich allerdings auch Maurice Ravel mit der andalusischen Thematik beschäftigt und ein Klavierstück veröffentlicht, das durchaus als Vorbild für Debussys "Soirée dans Grenade" gedient haben dürfte: die "Habanera" aus den Sites auriculaires. Die Ähnlichkeiten zwischen beiden Stücken sind so groß, dass man Debussy vorwarf, Ravel plagiiert zu haben. Dieser Streit entzweite dann auch Ravel und Debussy, die zuvor eine lockere Freundschaft gepflegt hatten.

Grundlage für La Soirée dans Grenade und gleichzeitig Hauptstreitpunkt ist der Habanera-Rhythmus, wie er in weiten Teilen des Stücks vorkommt. Zu Beginn und auch am Ende schreibt Debussy diesen Rhythmus auf nur einem Ton, dem cis2.

Notenbeispiel 1: "La Soirée dans Grenade", Habanera-Rhythmus, Takt 5
La Soirée dans Grenade, Habanera-Rhythmus

Auch Ravel hatte den Habanera-Rhythmus in ähnlicher Weise auf genau diesem Ton komponiert und zwar durch weite Teile der Habanera hindurch. Purer Zufall? Absicht? Ein eher unbewusstes Plagiieren immerhin acht Jahre nach Ravels Stück, das Debussy nachgewiesenermaßen kannte? Man kann es heute nicht mehr eruieren. Debussy jedenfalls stritt das bewusste Plagiat zeit seines Lebens ab und wies immer wieder darauf hin, dass man seiner Habanera Unrecht tue, wenn man sie auf die Ähnlichkeiten mit Ravels Vorläufer reduziere.

In der Tat besitzt Debussys Habanera mehr verschiedenartige Teile als Ravels Habanera. Charakteristisch für La Soirée dans Grenade sind die gitarrenähnlichen Einschübe - "Musikfetzen", die von irgendwoher sozusagen herüberwehen - und das Hauptthema in A-Dur, das ab Takt 67 erscheint, und der Soirée dans Grenade eine weitere Dimension gibt, die man bei Ravel vergeblich sucht.

(1) Zitiert nach: Vallas, Leon. Debussy und seine Zeit. München, 1961, S. 263


  © 2015 by Jochen Scheytt

Debussy Titel

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Jochen Scheytt
ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.


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Jochen Scheytt

ist Lehrer, Pianist, Arrangeur, Autor und unterrichtet an der Musikhochschule in Stuttgart und am Schlossgymnasium in Kirchheim unter Teck.