1. Satz: Nuages - Wolken
2. Satz: Fêtes - Feste
3. Satz: Sirènes - Sirenen
Das Wort Nocturne kommt vom italienischen Notturno und bedeutet Nachtstück. Im 17. und vor allem 18. Jahrhhundert war ein Nocturne ein Charakterstück für Klavier, das eine träumerische Stimmung mit einer ausdrucksvollen Melodie vereinte. Die bekanntesten Nocturnes schrieb Frédéric Chopin. Debussy wollte seinen Werktitel Nocturnes allerdings nicht in diesem herkömmlichen Sinn verstanden wissen. "Es handelt sich dabei um den Versuch, eine einzige Farbe in verschiedenen Besetzungen wiederzugeben, was beispielsweise in der Malerei einer Studie in Grau entspräche." (1)
Daraus ist zu schließen, dass die Anregung für die Nocturnes im Bereich der Malerei zu suchen ist, wahrscheinlich von Bildern des amerikanischen Malers James Abbott McNeill Whistler. Er nannte einige seiner Bilder Nocturnes und entlehnte den Begriff dabei aus der Musik. Es ist allerdings nicht bekannt, welches der Whistler-Nocturnes Debussy inspirierte.
James Abbott McNeill Whistler. Nocturne in Grey and Gold. Westminster Bridge, ca. 1871-1874
Nuages beginnt mit einem zweistimmigen Motiv in Klarinetten und Fagotten, das durch eine kontinuierliche Viertelbewegung und den ständigen Wechsel von Quinten und Terzen bestimmt wird. Die Klarinetten spielen das Motiv eine Oktave höher als die Fagotte.
Notenbeispiel 1: Nuages, Takt 1-2
Durch die ungewöhnliche Instrumentierung, die gleichmäßige und langsame Viertelfortschreitung und die hohlen Quinten entsteht vor dem geistigen Auge das Bild von fahlen, grauen, sich träge am Himmel entlangschiebenden Wolkenbergen.
In den Schlussakkord dieses Anfangsmotivs erklingt im Englischhorn ein neues, für Debussy sehr charakteristisches Motiv. Es ist nicht viel mehr als ein Impuls, ein rhythmisch prägnanter Auftakt, der dann über drei weitere Takte hinweg ausläuft und verklingt. Der Klang des Englischhorn nimmt die fahlen Anfangsfarben nahtlos auf.
Notenbeispiel 1: Nuages, Takt 5-8
Kurz vor Ende des Stücks entsteht aus dem Anfangsmotiv eine Melodie, die von der Flöte und Harfe unisono in hoher Lage gespielt wird.
Notenbeispiel 2: Nuages, Takt 64-66
Sie wird grundiert von einem liegenden Akkord der Streicher in reinem dis-Moll. Die Streicher sind in diesen Takten mehrfach geteilt, so dass ein 13-stimmiger (!) Akkord entsteht, der sich über etwas mehr als vier Oktaven erstreckt. Diese aufgefächerte Instrumentation und das warme dis-Moll bewirken eine Aufhellung der bisher recht düsteren Szenerie. Man kann, dann auch besonders bei der Wendung nach Es-Dur in Takt 77, sicherlich von der durch die Wolken durchbrechenden Sonne sprechen. Nach einem erneuten Stimmungsumschwung in Takt 80 endet der Satz so fahl wie er begonnen hat.
Das zweite Stück Fêtes folgt einer dreiteiligen Anlage nach dem "klassischen" Schema ABA'. Das bunte Treiben des Jahrmarkts im A-Teil wird jäh unterbrochen, als sich zu Beginn des Teils B ein Festzug aus der Ferne ankündigt. Man hört zuerst nur ganz leise den Rhythmus der Pauken und die Bässe, bevor die gestopften Trompeten mit dem 16-taktigen Thema einsetzen. Dieses Thema wird insgesamt dreimal hintereinander gespielt. Bei jeder Wiederholung wird die Dynamik und die Besetzung gesteigert. Bei der letzten Wiederholung ab Takt 156 spielt das volle Orchester und der Fanfarenzug vermischt sich mit dem Jahrmarkttreiben (Streicher). Hier kommt dann auch eine Militärtrommel zum Einsatz, die einen ostinaten, also stets gleichbleibenden Rhythmus beisteuert.
Notenbeispiel 3: Fêtes,
Militärtrommel, Takt 154 ff.
Anschließend biegt die Militärparade um die Ecke und mit der Wiederaufnahme des A-Teils nimmt der bunte und farbige Jahrmarkt seinen Fortgang.
Schon wie in der Rompreisarbeit Printemps setzt Debussy hier einen Frauenchor aus jeweils acht Sopran- und Mezzosopranstimmen ein. Sie singen nur Vokalisen, also Tonsilben. Debussy äußerte sich selbst zum Inhalt:
"Sirènes: das ist das Meer und sein unzählbarer Rhythmus; dann vernimmt man, wie in den mondversilberten Wellen der geheimnisvolle Gesang der Sirenen auflacht und vorüberzieht". (2)
© 2023 by Jochen Scheytt